Eine Reise nach Holland: Herz und Seele für Primaten

Freitag, 22 Juli, 2016

Die auf Primaten spezialisierte Tierärztin Belén Roca ist gerade von einem in Holland absolvierten Intensivkurs über die Pflege von Affen und anderen Primaten zurück. Eine einzigartige Erfahrung mit über 350 Primaten

Fünf Stunden Flugzeit von Holland nach Fuerteventura reichten bei weitem nicht aus, um die ganze Fülle von Informationen und Erlebnissen zu verarbeiten, die Belén Roca bei ihrem Aufenthalt in Holland bekam. Sie ist für die Abteilung Primaten und kleine Säugetiere im Oasis Park Fuerteventura verantwortlich, und die Erlebnisse sind ihr noch so frisch in Erinnerung, dass Belén aufgeregt von ihrer nahen Begegnung mit einem Orang-Utan berichtet. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie einen dieser grossen, bedrohten Affen aus nächster Nähe sehen konnte.  Es war in  Apenheul, einem der besten auf Primaten spezialisierten Parks in Europa. Belén lernte auch die Stiftung APP, kennen, ein Auffang- und Rehabilitationszentrum für Tiere, in dem sich über 350 Primaten und andere exotische Säugetiere befinden. Dort besuchte sie ihren Kurs über die artgerechte Haltung und Pflege von Primaten. Der laufende Monat Juli ist nicht nur für Belén wichtig, sondern für Oasis Park Fuerteventura überhaupt, weil jetzt auch andere Spezialisten weiterführende Kurse besuchen. Belén ist wieder zuhause; mit ihr kamen eine grosse Menge an Überlegungen und Vorschlägen.

Frage. Ein so wichtiger Park wie Apenheul bietet doch Emotionen pur?

Antwort. Er bedeutet vor allem Freiheit. Es ist wunderbar zu erleben, wie die Primaten sich ohne Barrieren über dich hinwegbewegen. Ich bekam vom ständigen Zuschauen nach oben richtige Muskelschmerzen am Hals. Sogar die Futterplätze befinden sich hoch in den Bäumen; dort, wo die Tiere auch in ihrem natürlichen Lebensraum nach Nahrung suchen. Ausserdem sind mir die Laute der Affen lebhaft in Erinnerung geblieben. Es war wirklich aufregend und spannend. 

F. Du meinst, die Tiere hätten die grösstmögliche Freiheit innerhalb eines sorgfältig für sie konzipierten Geheges. Wo liegen die Grenzen?

A. Die Grenzen werden durch die notwendige Sicherheit gegeben. Gorillas und Oran-Utans haben keinen direkten Kontakt zum Publikum … Lemuren und kleine Äffchen können sich aber total frei bewegen und es konnte passieren, dass dir auf einmal einer auf die Schulter sprang. Die Affen haben viel Platz, um sich durch die Anlage zu bewegen, und die Muttertiere passen auf ihre Jungen auf. Die Tiere können wählen, ob sie sich sehen lassen oder nicht; wenn sie wollen, können sie den Menschen aus dem Weg gehen. Sie brauchen nicht in engen Kontakt mit den Besuchern zu treten.

F. In Apenheul leben die Tiere also fast in Freiheit. Wie ist das bei APP?

A. Die Anlagen sind mehr funktionell als ästhetisch-schön, aber als Primatenexpertin weiss ich das zu schätzen. Die Sicherheitsvorrichtungen wie Türverschlüsse sind sehr gut durchdacht und sicher. Das Sauberkeits-Protokoll ist sehr anspruchsvoll; ich habe sogar gesehen, wie Arbeitskolleginnen die Kleidung wechselten, wenn sie von einer Anlage in die nächste gingen. Ich habe schnell gemerkt, dass dies eine Massnahme war, um mögliche Ansteckungen mit Krankheiten zu vermeiden. Wie man so sagt: alles war so sauber, dass man vom Boden hätte essen können.

F. Wie reagieren die Leute, die es nicht gewöhnt sind, direkt mit den Tieren in Kontakt zu kommen?

A. Man fragt sich immer, wie man es anstellt, die Sicherheit nicht nur der Besucher sondern auch der Tiere selbst zu gewährleisten. In dieser Hinsicht hat es mich angenehm überrascht, dass jeder Besucher alle seine Sachen in einen Beutel stecken musste, den er am Eingang  ausgehändigt bekam. Und die Leute wurden im Park auch persönlich durchsucht. Das Publikum respektiert allgemein diese Normen. Im Park selber bemerkt man diesen Respekt auch. Niemand versucht, die natürlichen Bewegungen der Tiere zu stören oder durch Gesten oder Laute ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Und falls dies verboten ist, werden die Tiere auch nicht gefüttert. Menschen und Tiere leben in Harmonie miteinander. So sollten wir uns alle benehmen, wenn wir einen Tierpark besuchen. 

F. Natürlich hast Du eine Menge Fotos von der Reise mitgebracht. Welche davon wirst Du in Deinem Büro an die Wand hängen?

A. Ich habe so viele, zum Teil sehr ausdrucksvolle Fotos gemacht! Auf einem ist ein für mich sehr aufregender Moment festgehalten. Ich stand vor einer Gruppe Bonobos. Plötzlich rannte hinter ihnen ein Gorilla-Junges vorbei, das seinerseits einen Husaren-Affen verfolgte! Ich fragte mich: leben die wirlich alle zusammen? Dann merkte ich, dass ein geschickt und unauffällig zwischen der Vegetation angebrachter Wassergraben das verhinderte. Die verschiedenen Affen lebten also nicht direkt zusammen, es entstand aber der Eindruck, dass dies so war. Das Bild war wunderbar.

F. In Holland ist man wohl in Bezug auf Tierschutz und Arterhaltung sehr fortgeschritten.

A. Richtig. Das Konzept der freiwilligen Arbeit  z.B. ist sehr akzeptiert. Das erklärt, warum junge Leute ihre Ferien mit Tierpflege und Rehabilitation von geretteten Primaten verbringen. Sie wissen, dass ihre Tätigkeit wichtig ist. Vielsagend ist auch, dass sich APP von privaten Spenden und staatlichen Subventionen finanziert.

““Die Laute der Tiere sind mir deutlich im Gedächtnis geblieben”.

 

 

 

 

 

F. Du erwähnst ein Konzept, dass bei APP sehr wichtig zu sein scheint: Rettung, wodurch das Zentrum ein echtes Heim für die Tiere wird.

A. Ein Heim, in das jedes Jahr um die 100 beschlagnahmte Tiere eingeliefert werden, welche Opfer illegalen Handels, der Ausbeutung in Zirkussen oder schlechter Haltung seitens Privatpersonen sind. So ist diese Anlage, genau wie Oasis Park Fuerteventura, eine Hoffnung für viele Tiere mit einer traumatischen Vergangenheit. Viele dieser Tiere können nicht wieder in ihren natürlichen Lebensraum zurückgebracht werden, sie würden von ihren wilden Artgenossen nicht akzeptiert werden und nicht überleben.

F. Jetzt versteht man die Anstrengungen, die gemacht werden, um bei den Tieren stabile soziale Gruppen zu schaffen. Man versteht aber auch, dass viele von ihnen in verschiedenen Richtungen durch Europa reisen.

R. Natürlich. Das hauptsächliche Ziel ist es immer, dass die Tiere sich wohl fühlen. Ein Primat braucht die Gesellschaft von mindestens einem Artgenossen. APP übernimmt nicht nur die Rettung, sondern auch die Sozialisierung der Tiere. Die Stiftung fördert die Verbindungen zwischen den Tieren, managt aber auch ihre Reisen zu anderen Parks, falls das doch nötig wird.

F. Auch Oasis Park Fuerteventura hat dabei gute Erfolge aufzuweisen.

A. Ja. z.B. sind  zwei Primaten verschiedener Arten zusammengebracht worden, und das Zusammenleben ist ganz harmonisch. Alle unsere Besucher können dies sehen: in einer Anlage nahe den Erdmännchen leben ein Weissbüschelaffe und ein Lisztaffe zusammen.

F. Welche der Arten, die Du jetzt kennengelernt hast, würdest Du gerne pflegen? 

A. Am liebsten Orang-Utans. Ich habe eine Schwäche für sie und fühle mich total mit dieser bedrohten Tierart verbunden wegen der enormen Zerstörung ihres Lebensraumes durch Ölpalmen-Plantagen. Viele Orang-Utans verenden im Feuer, das gelegt wird, um die Wälder zu vernichten. Diejenigen, die überleben, werden von ihren Familien getrennt. 90% ihres Lebensraumes auf Borneo und Sumatra wurde in den letzten 20 Jahren zerstört. Aus Solidarität konsumiere ich nichts, was Ölpalmen-Fett enthält. Dieses Fett ist leider in unzähligen Produkten enthalten. Durch die Zerstörung der Urwälder werden ausserdem mehr Treibhaus-Gase frei, welche die weltweite Klimaänderung beschleunigen.

F. In den Anlagen von APP hast Du ein Tier getroffen, das aus Gran Canaria stammte. 

R. Ja, einen Schimpansen. Er heisst Macario und reagierte so stark, wie ich es nicht erwartet hatte, als ich ihn begrüsste und ein paar Worte auf Spanisch zu ihm sagte.

Belén Roca ist dankbar darüber, dass sie zwei der weltweit wichtigsten Primaten-Rettungszentren besuchen durfte. Bereits im Juni waren ihre Kollegen Bernardo y Abdul in Madrid, wo sie einen Schnellkurs in Management und Training von wilden Säugetieren absolvierten, der von AT Formación organisiert worden war. Alle Ausbildung, die unsere Mitarbeiter bekommen, zielt auf das Wohlergehen der grossen Tierfamilie ab, die Oasis Park Fuerteventura beherbergt.